Sophie | Vereinigung der Kapitäne und Schiffsführer des Fischlandes

Seeunfall der Schooner "Sophie"

  1. Der Seeunfall ist dadurch verursacht, dass am Abend vom 16. October 1881 das Fylsander Feuer mit demjenigen vonLyserort verwechselt wurde;


  2. weder dem Schiffer noch dem Steuermann ist dieses Versehen schuldvoll zuzurechnen.




  1. Der im Jahre 1877 zu Ribnitz aus Eichenholz erbaute, zu 84,51 britischen Register-Tons Netto-Raumgehalt vermessene, von dem Schiffer Georg Ernst zu Rostock geführte Schooner "Sophie", Unterscheidungssignal MDCQ, ist in der Nacht vom 17./18. October 1881 auf der Reise von Arendal nach Riga unweit der Westküste der russischen Insel Oesel an Grundgekommen und gesunken.


  2. Das Schiffsjournal ist dabei verloren gegangen, in Ermangelung desselben jedoch bezüglich des in Rede stehenden Seeunfalles auf Grund des vor dem Rathhausgericht zu Arensburg aufgenommenen Verklarungsprotokolls vom 20. October 1881 und der Aussagen der Besatzung vor dem Seeamt das Nachstehende thatsächlich festgestellt worden.


  3. Am 8. October 1881 ging der Schooner von Arendal aus in See. Er war beladen mit 130 Tonnen Feldspat, welcher auf einem Garnier im Raume gehörig verstaut war. Die Mannschaft bestand aus 3 Personen, dem geprüften Steuermann Helmuth Ahrens aus Dierhagen, dem Matrosen Ahrens und dem Koch Pawilsky.

    Brauchbare Seekarten, meistens aus den Jahren 1878 und 1879, waren an Bord, darunter eine Specialkarte vom Rigaer Busen, auf welcher die interessirenden Feuer verzeichnet standen. Am 11. October ward Helsingör passirt und am 12. von Kopenhagen aus, wo man schlechten Wetters halber eine Zeit lang geankert hatte, Mittags die Reise bei stürmischem WSW-Winde fortgesetzt. Am 14. October Abends, bis wohin man nur Bornholm und Christiansoe gesichtet und sonst keine Landpeilung weiter gehabt hatte, glaubten Schiffer und Steuermann nach ihrem Besteck nur einige Seemeilen von dem Lyserort-Feuer an der Nordwest Küste Kurlands, etwas unterhalb Cap Domesnees, entfernt zu sein, welches sie etwas an Backbordseite voraus hätten sehen müssen, welches sie aber, wie sie meinten, der dicken, regnigten Luft halber, nicht erblickten. Der Curs war damals ONO½O; der Wind SSW, steife Briese; sämtliche Segel bis auf die leichten standen. Als der Schiffer der Küste nahe genug zu sein glaubte, und da der Wind mehr nach Süd gegangen war, hielt er init SW-Curs wieder vom Lande ab und blieb so beim Kreuzen bis zum Abend des 16. October.

    Damals steuerte man OzN-Curs, bis etwa um 11 Uhr ein bereits Abends 7 ½ Uhr in OzS gepeiltes und von Schiffer und Steuermann für dasjenige von Lyserort gehaltenes festes Feuer in SOzO stand, nach Schätzung etwa 4 Seemeilen entfernt. Dieses letztere Feuer hätte allerdings nach der bisherigen, zur Karte abgesetzten Segelung in OSO stehen müssen, aber die geringe Differenz in der Richtung war nach Meinung des Schiffersmit Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen, dass man eine zu grosse Abtrift, nämlich 6 Strich, angenommen hatte, und die gelothete Wassertiefe von 23 Faden stimmte nach der Karte mit dem berechneten Standorte des Schiffes überein. Jetzt ward der Curs OSO genommen, um sich der Küste, wo man sich gut anlothen konnte, während auf der anderen Seite, mehr nördlich von Lyserort Feuer, gefährliche Riffe lagen, noch mehr zu nähern. Im Laufe der Nacht gedachte dann der Schiffer das gut befeuerte Cap Domesnees zu umsegeln.

    Inzwischen ward das Wetter wieder sehr dick von Regen, und das Feuer war nur noch schwach sichtbar. Das an der Südspitze von Oesel befindliche Svarfverort-Feuer mit einer Sichtweite von etwa 15 Seemeilen war auch um Mitternacht, wo der Schiffer einen Mann nach oben schickte, um darnach auszuschauen, noch nicht zu erblicken. Um 12 ¾ Uhr, als man das vermeintliche Lyserort-Feuer in SW peilte, stieß der Schooner plötzlich mehrere Male durch, ohne jedoch aus dem Curs zu kommen. Schiffer lies sofort das Ruder hart Backbord legen, ging durch den Wind und versuchte mit WNW-Curs denselben Weg wieder zurückzunehmen, bis etwa 1 ½ Uhr Morgens der Schooner von neuem sehr hart aufstieß und dann fest kam. Alle Versuche, durch Manövriren mit den Segeln abzukommen, zeigten sich vergeblich.

    Der Schiffer lies daher Nothsignale mit Terpentinfeuer geben und peilte dann die Pumpe, wobei sich, obwohl der Schooner sonst immer ganz dicht gewesen war, bereits mehrere Fuß Wasser im Raume fanden. Bei einer so rapiden Zunahme desselben schien es unmöglich, das Schiff auf den Pumpen zu halten. Der Schiffer befahl daher, als keine Hülfe kam und da die Masten bei dem starken Rammen des Schooners zu stürzen drohten, das Boot klar zu machen und verliess darin Morgens 3 Uhr auf das dringende Verlangen der Mannschaft mit der letzteren die "Sophie". Da die See fortwährend über das Deck brach und der anscheinend vorne auf einen Felsen aufgeschobene Schooner hinten so tief im Wasser lag, dass die Cajüte mehrere Fuss hoch damit angefüllt, auch die Cajütenlampe verlischt und das Umstürzen der Masten jeden Augenblick zu befürchten war, so hatte man von den Effecten nur wenig bergen können und auch das in der Cajüte befindliche Schiffsjournal auf dem Wrack zurücklassen müssen.

    Morgens 8 Uhr erreichten die Schiffbrüchigen das Land, wie sich bald zeigte, die Westküste der Insel Oesel, und jetzt erkannte der Schiffer, dass das irrthümlich von ihm für dasjenige von Lyserort gehaltene in Wirklichkeit das Fylsander Feuer an der Nordwestküste von Oesel gewesen sei. Noch am nämlichen Tage kehrte die Besatzung mit Hülfsmannschaften zur Strandungsstelle zurück, konnte aber von dem Schooner keine Spur mehr auffinden, welcher bereits bei den sogenannten Teufelsgründen gesunken war. Seitens des Observatoriums zu St. Petersburg ist auf diesseitige Anfrage mitgetheilt, dass zwar bestimmte Beobachtungen über die Strömungen an der Westküste Kurlands in der Strandungsnacht nicht gemacht worden, von Süden nach Norden gerichtete Strömungen indess dort nicht selten seien.


  4. Nach vorstehenden thatsächlichen Feststellungen ist es zweifellos, dass der vorliegende Seeunfall durch ein Verwechseln des Lyserort- und des Fylsander Feuers verursacht worden ist. Wenn das am 16. October erblickte Feuer wirklich, wie man annahm, das Lyserort - Feuer gewesen wäre, dann wäre der an diesem Tage Abends 11 Uhr nach OSO genommene Curs ein richtiger gewesen, und der Schooner würde mit diesem Curse wahrscheinlich das Riff von Lyserort und die nördlich von demselben belegenen Riffe glücklich passirt haben, um noch im Laufe der Nacht Cap Domesnees umsegeln zu können. War jenes Feuer aber dasjenige von Fylsand, so musste der OSO Curs nothwendig zur Strandung auf einem der westlich von demselben belegenen zahlreichen Riffe führen. Demnach kann es sich nur noch um die Frage handeln, ob die Verwechselung jener beiden Feuer als eine entschuldbare anzusehen oder auf eine Fahrlässigkeit des Schiffers oder des Steuermanns zurückzuführen ist. Das Seeamt hat sich für die erstere dieser beiden Alternativen entscheiden zu müssen geglaubt, und zwar aus folgenden Gründen:

    Das Fylsander Feuer liegt nördlich von demjenigen auf Lyserort, etwa 50 Seemeilen von demselben entfernt. Beide sind feste Feuer und ungefähr gleich weit sichtbar. Zwischen beiden, nordöstlich von Lyserort, in 24 Seemeilen Abstand, und südlich von Fylsand, in 30 Seemeilen Abstand, liegt an der Südspitze der Insel Oesel das 16 Seemeilen weit sichtbare Blinkfeuer von Svarfverort. Vom 14. bis zum 16. October setzte, wie das Seeamt als er wiesen annimmt, längs der Westküste Kurlands eine kräftige Strömung von Süd nach Nord. Dafür spricht der bereits seit dem 12. October sturmartig aus Süd wehende Wind, die vom Observatorium zu St. Petersburg bescheinigte Thatsache, dass von Süd nach Nord gerichtete Strömungen längs jener Küste nicht selten sind, und endlich der Umstand, dass der Schooner am Abend des 16. October in Wirklichkeit etwa 50 Seemeilen nördlicher stand, als er nach den abgesegelten Distanzen stehen sollte. Dem Schiffer und dem Steuermann war diese starke Stromversetzung unbekannt, und da sie seit mehreren Tagen schon keine Landpeilungen mehrgehabt hatten, so konnten sie dieselbe nicht wohl bemerken und ist ihnen somit kein Vorwurf daraus zu machen, dass sie sie bei Aufmachung ihres Bestecks nicht mit in Rechnung gezogen haben.

    Als daher am 16. October Abends 7 ½ Uhr ein festes Feuer in OzS gepeilt wurde, waren Schiffer und Steuermann nach ihrer bisherigen Segelung berechtigt, dasselbe für dasjenige von Lyserort zu halten und die geringe Differenz in der Richtung dieses Feuers, welche Abends 11 Uhr insofern beobachtet wurde, als es damals in SOzS gepeilt wurde, während es nach dem Besteck in OSO hätte gepeilt werden sollen, liess sich in der That mit einiger Wahrscheinlichkeit daraus erklären, dass man eine zu starke Abtrift angenommen habe. Das Nichterscheinen des Svarfverort-Feuers, nach welchem der Schiffer wiederholt ausschaute, war, da jenes Feuer damals noch zu entfernt stand, um selbst bei klarer Luft gesehen werden zu können, zur Aufklärung des obwaltenden Irrthums nicht geeignet, und wenn der Schiffer seine Annahme, dass er das Lyserort-Feuer vor sich habe, festhielt, trotzdem das Svarfverort-Feuer nicht erschien, so kann ihm hieraus der Vorwurf mangelnder Vorsicht nicht gemacht werden. Kommt endlich hinzu, dass die gelotheten Wassertiefen mit den zur Karte bei Lyserort verzeichneten übereinstimmten und hierdurch Schiffer und Steuermann nothwendig in ihrem Irrthum über die Identität des gepeilten Feuers bestärkt werden mussten, so hat das Seeamt diesen Irrthum nur für einen entschuldbaren erachten können.


  5. Was der Schiffer nach der Strandung anordnete, um den Schooner wieder abzubringen, erscheint durchaus sachgemäss. Ebenso war es, als auf die gegebenen Nothsignale keine Hülfe erschien, als der Schooner stärker zu rammen begann und man jeden Augenblick dessen Abgleiten von der Klippe und damit dessen sofortiges Sinken erwarten musste, die Pflicht des Schiffers, die Mannschaft, deren Leben in hohem Grade gefährdet war, nicht länger als unumgänglich nöthig auf dem Schiffe zurückzuhalten, und es kann ihm der Vorwurf, dasselbe zu früh verlassen zu haben, nicht gemacht werden. Dass er das Schiffsjournal nicht geborgen, wird durch die Sachlage, insbesondere dadurch, dass die Cajüte, in welcher sich dasselbe befand, bereits mit Wasser angefüllt war, entschuldigt.



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